Räume zum Lernen. Ergebnisse aus 5 Fallstudien im Rahmen des ERASMUS Projektes „Educational Spaces 21. Open UP!“

08.07.2016

 

Anfang Juli hat das HIE-RO-Institut seine Ergebnisse aus der ersten Phase des Projektes "Educational Spaces 21. Open UP!" vorgestellt. Ein komprimierter Überblick wurde bereits in der Juni-Ausgabe des Traditio et Innovatio – dem Magazin der Universität Rostock veröffentlicht.

Artikel in der Traditio et Innovatio (S.38)

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EDUSPACES EU

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Artikel:
Louisa Haescher & Lutz Laschewski

 

"Räume zum Lernen.
Ergebnisse aus 5 Fallstudien im Rahmen des ERASMUS Projektes „Educational Spaces 21. Open UP!“

 

1 Einleitung

In allen Teilen Europas sind sich Schulen sehr ähnlich. Kleine Räume mit aneinandergereihten, einheitlichen Tischen und Stühlen, grellem Licht und einer dürftigen technischen Ausstattung. Die Schüler blicken auf die Lehrkraft vor ihnen, die häufig nur die Tafel als Unterrichtsmedium bemüht, um ihnen so das übliche Wissen zu vermitteln. Diese zugespitzte Beschreibung illustriert die anhaltende Dominanz eines Lehrmodels, das sich nur schwer einem neuen Verständnis von Lernräumen öffnet. Das vom Center for Citizenship Education in Polen koordinierte „Erasmus+“-Projekt Educational Spaces 21. Open UP! geht vor diesem Hintergrund seit 2015 der Frage nach, wie und mit welchen Mitteln die handelnden Akteure in den Schulen, insbesondere Schulleiter und Lehrer, die Gestaltung der Lernräume, trotz zahlreicher einschränkender Bedingungen (Finanzen, vorhandene Gebäude, rechtliche Rahmenbedingungen, etc.), sukzessive verändern können. In dem „ERASMUS+“-Projekt wirken zudem das Rostocker HIE-RO Institut, die Warschauer Think! Foundation sowie die Rektorsakademien Utveckling (RAU) aus Stockholm in Schweden mit.

Im Folgenden werden Ergebnisse der im Rahmen der ersten Projektphase Educational Spaces 21. Open UP! in Mecklenburg-Vorpommern durchgeführten Fallstudien kurz vorgestellt. Zuvor erfolgt eine kurze Vorstellung der Projektinhalte, seiner Fragestellung und Philosophie sowie der theoretischen Bezüge zum Lernraum. Auch werden die Projektpartner und deren Vorgehensweise bei der Umsetzung des Projektes dargestellt. Daraufhin werden die vom HIE-RO-Institut an innovativen Schulen durchgeführten Fallstudien präsentiert und die wichtigsten Ergebnisse dieser zusammengefasst. Abschließend folgen ein kurzes Resümee zum aktuellen Stand des Projekts sowie ein Ausblick auf dessen weiteren Verlauf.

2 Educational Spaces 21. Open UP!: Fragestellung und Projektphilosophie

Das durch das EU-Programm „Erasmus+“ geförderte Projekt Educational Spaces 21. Open UP! (kurz: EduSpaces21) zielt darauf ab, den wissenschaftlichen Diskussionsstand zur Gestaltung von Lernräumen abzubilden und Beispiele „guter Praxis“ in Schulen zu sammeln und in Handbüchern zu dokumentieren. Sie sollen als Handreichungen für die handelnden Akteure in den Schulen, insbesondere - aber nicht nur - den Schulleitern und Lehrern, dienen und ihnen Anregungen an die Hand geben, wie sie in ihrem Handlungsfeld Veränderungen vornehmen können, um Lernumgebungen schüler- und lehrerfreundlicher und die Lehr-Lernprozesse im Hinblick auf neue Fähigkeiten und Erwartungen an Lehrer und Schüler im 21. Jahrhundert zu gestalten.

Ausgehend von typischen Problemstellungen enthalten die Handreichungen Beispiele, wie verschiedene Schulen mit diesen Herausforderungen umgegangen sind. Daran schließen allgemeine, weiterführende Gestaltungshinweise an.

Diese Vorschläge berücksichtigen, dass Lernprozesse heutzutage viel öfter außerhalb des Klassenraums, in verschiedenen virtuellen und sozialen Umgebungen sowie in informellen und formalen Kontexten stattfinden. Der Lernraum bzw. die Lernumgebung geht über den „reinen Klassenraum“ hinaus und umfasst mindestens drei wesentliche, miteinander verbundene Dimensionen: den physischen Raum, also die Architektur und Ausstattung der Schule; den virtuellen Raum, welcher Technologien und onlinegestütztes Lernen beinhaltet sowie den sozialen Raum, der sich u.a. auf die Verbindungen zu Schul- und Ortsgemeinden bezieht.

Grundlage für eine Veränderung ist in jedem Fall ein pädagogisches Konzept. Ausgehend von einem solchen Konzept sind bei der Entwicklung der Lernumgebungen immer alle drei Dimensionen gleichzeitig mitzudenken.

Unter der Koordination des Center for Citizenship Education Warschau (PL) verbindet das Projekt Partner aus Polen, Schweden und Deutschland. Weitere Partner sind die Warschauer Think! Foundation (PL), die Rektorsakademien Utveckling (RAU) aus Stockholm (SW) und das Hanseatic Institute for Entreprenership and Regional Development (HIE-RO) an der Universität Rostock (D). Die Projektpartner führten zunächst eine umfassende Literaturrecherche durch und erarbeiteten auf dessen Grundlage gemeinschaftlich einen Katalog von Herausforderungen, die sich heutzutage für viele Schulen in Bezug auf Lernräume stellen. Die Literaturstudie des HIE-RO kann auf der Webseite des HIE-RO eingesehen werden (Link).

Anschließend führten die beteiligten Partner in ihren Ländern Fallstudien in innovativen Schulen durch, um kreative Lösungen und Gestaltungsmöglichkeiten des Lernraumes zu erfassen. Die Ergebnisse dieser Fallstudien fließen in das Handbuch ein. Im Folgenden werden 5 Fallstudien, die das HIE-RO in Mecklenburg-Vorpommern durchgeführt hat, kurz beschrieben..

3 Kreativer Umgang mit neuen Herausforderungen. Fünf Schulen in Mecklenburg-Vorpommern

Schule A ist eine private Ganztagsschule mit Hort auf dem Land, in welcher Schüler von der 1. bis zur 6. Klasse nach reformpädagogischem Ansatz unterrichtet werden. Die Schule nutzt ihre ländliche Lage und Nähe zur Umwelt bei der Gestaltung des Schulalltags, sowohl in Bezug auf die Unterrichtsgestaltung als auch im Hinblick auf die Erholungsbereiche der Schüler in der freien Natur. Desweiteren fokussiert der Lehrplan sich auf die künstlerischen und handwerklichen Fähigkeiten der Kinder, indem Töpfern, Werken sowie Tanz und Theater, häufig auch durch externe Fachkräfte, angeboten werden.

Schule B ist eine öffentliche Regional- und Ganztagsschule, die in einer ländlichen, stark touristisch geprägten Umgebung liegt. Der Fokus der Schulbildung liegt auf den Bereichen Sport und Tourismus, wobei eine enge Beziehung mit der lokalen Gemeinschaft, u.a. durch gemeinsame (touristische) Veranstaltungen innerhalb und außerhalb der Schule, gepflegt sowie eine Kooperation mit Polen gefördert werden.

Die dritte Schule C ist eine städtische, private Grund- und Gesamtschule, inklusive berufsbildender Schule. Diese Ganztagsschule mit Hort und sogenanntem „Mitmachzirkus“ setzt den Schwerpunkt in der Ausbildung der Schüler auf den Unterricht als „Werkstatt“ mit zahlreichen Workshops, in denen vor allem Musik und Werken im Vordergrund stehen. Die Schule kooperiert bei der Organisation dieser Workshops mit vielen externen Einrichtungen und Experten aus der Umgebung.

Eine weitere private Ganztagsschule (D) in der Stadt, in der die Sekundarstufen I und II mit Option auf eine berufsbildende Schulbildung vereint sind, setzt ihren Ausbildungsfokus auf einen zweisprachigen Unterricht und interkulturelle Kompetenzen. Im Vordergrund stehen die Förderung internationaler Partnerschaften und Schüleraustausche sowie gemeinsame Veranstaltungen mit Mitgliedern der lokalen Gemeinschaft. Zudem wird den sozialen Kompetenzen der Schüler während des Unterrichts und in den Pausenzeiten eine hohe Bedeutung beigemessen. Jedes Kind muss deshalb soziale Dienste für die Klasse übernehmen.

Die fünfte Schule (E) ist eine private Gesamt- und Ganztagsschule mit Hort in städtischer Umgebung, die erst seit dem Jahr 2006 besteht und eine umfangreiche individuelle Betreuung der Schüler in den Mittelpunkt ihrer Schulphilosophie stellt. Unterrichtsschwerpunkte bilden Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik (MINT-Schule) sowie die körperliche Leistungsfähigkeit der Schüler. Hierfür kooperiert die Schule mit einer Vielzahl von Vereinen und Fachkräften, die in die Schule kommen und die Kinder vor Ort (insbesondere Schüler mit Förderbedarf oder Behinderungen) unterrichten und unterstützen.

In den folgenden Tabellen sind die Besonderheiten der einzelnen Schulen einander gegenübergestellt.


4 Zusammenfassung

Die Synopse zeigt auf, dass die Schulen, ausgehend von unterschiedlichen Leitbildern, spezifische Prioritäten gesetzt und zahlreiche kreative und innovative Lösungen bei der Gestaltung der Lernumgebungen umgesetzt haben. Insbesondere in Bezug auf die Architektur der Gebäude und deren Einrichtung und Gestaltung haben einige Schulen neue Wege und Mittel gefunden, die älteren Schulgebäude den Bedürfnissen der Schüler und Lehrkräfte entsprechend anzupassen. Die Gestaltungsmöglichkeiten sind in den neu erbauten Schulen größer. Oft haben die Schulen ältere Gebäude durch Neubauten ergänzt und/oder erweitert.

Platzmangel im Innen-, aber auch in den äußeren Bereichen stellt ein häufiges Problem dar. Sowohl für die älteren als auch für die neueren Schulen stehen zumeist die Ausweitung der Gemeinschafts- und Erholungsbereiche sowie die Anpassungsfähigkeit der Einrichtung an die jeweiligen Unterrichtssituationen und Bedürfnisse der Lehrkräfte und Schüler im Vordergrund. Nur in einem Fall spielte das Mobiliar eine besondere Rolle bei Gestaltung des Lernraums.

Insbesondere bei der Gestaltung und Verbesserung des sozialen Raums überzeugen alle Schulen auf unterschiedliche Weise. Alle der untersuchten Schulen sind Ganztagsschulen und bieten fächer- und klassenübergreifende Workshops und Projektarbeiten, Kooperationen mit externen Fachkräften, über den „normalen“ Unterricht hinaus an. Es gibt vielfältige Ansätze, die Brücke zwischen schulischem und außerschulischen Alltag zu verringern und auch die Eltern in das schulische Leben miteinzubeziehen.

Die größten Herausforderungen stellen sich in Bezug auf den virtuellen Raum, welcher an allen Schulen immer noch ausbaufähig ist. Zwar gehören White- und Smartboards sowie Projektoren inzwischen zur Standardausstattung der meisten Schulräume und Medienkompetenzen werden vermehrt in den Lehrplan integriert. Von einer umfassenden Nutzung der heutigen Möglichkeiten neuer Medien kann aber kaum die Rede sein. Häufig ist der Einsatz der neuen Medien noch auf spezielle Medienräume beschränkt und keine Selbstverständlichkeit im regulären Unterricht.

Bemerkenswert ist, dass den fünf Schulen sehr unterschiedliche Organisationsmodelle zugrunde liegen. Die Beteiligung der Eltern und des Lehrerkollegiums in den Entscheidungsprozessen ist damit sehr unterschiedlich. Die Beobachtungen in den Fallstudien lassen zum gegenwärtigen Zeitpunkt noch keine Verallgemeinerung zu. Geht man aber davon aus, dass die (Um-)Gestaltung der Lernumgebungen in den meisten Fällen ein gradueller Prozess sein wird, dann rückt die Einbindung der Eltern, Lehrer und Schüler innerhalb dieses Prozesses - und damit die Organisation der Beteiligung - in das Zentrum der Betrachtung.

Insgesamt konnte durch das EduSpaces21-Projekt bisher festgestellt werden, dass es bereits zahlreiche innovative Schulen im Ostseeraum gibt, die sich mit den veränderten Ansprüchen an die Lernräume des 21. Jahrhunderts auseinandersetzen. Dabei stehen nicht nur die Bedürfnisse der Lehrer und Schüler im Vordergrund, sondern auch die Wünsche und Ressourcen der lokalen Gemeinde und die stärkere Verbindung der Schule mit dieser. Zwar hat das Projekt auch gezeigt, dass selbst an innovativen Schulen weiterhin Schwierigkeiten und Verbesserungsbedarf in bestimmten Bereichen, beispielsweise dem virtuellen Raum, bestehen. Dennoch wird deutlich, dass bereits wichtige und intelligente Ideen und Konzepte existieren, die Schulen dabei helfen können, ihre Lernräume und Lehrmodelle an die gegenwärtigen Entwicklungen anzupassen. Da die gegebenen Bedingungen an den Schulen in der Regel nicht von heute auf morgen geändert werden können, erscheint es besonders wichtig, die einzelnen Erfahrungen zu erfassen und die beteiligten Akteure in einen kontinuierlichen Dialog über die Gestaltung von Lernräumen einzubinden. Hierzu will EduSpaces21 einen Beitrag leisten

Im Laufe des Jahres 2016 werden die Handreichungen mit den Ergebnissen der Projektpartner als Handbuch erscheinen. Das HIE-RO-Institut wird zudem im Oktober 2016 - in Kooperation mit der Universität Rostock und lokalen Partnern - einen Workshop ausrichten. Hier werden Vertreter der Schulen, politische Verantwortliche und Experten über Erfahrungen aus dem Projekt und Vorhaben ähnlicher Art gemeinsam diskutieren und Ideen für die zukünftige Arbeit entwickeln.

 

Bericht als PDF: